schwellen und raumsequenzen

ich bin nun seit 2 monaten im bonner stadtgebiet unterwegs und versuche eine idee fuer die auditiven zusammenhaenge und eigenheiten dieser stadt zu bekommen. bestimmte qualitaeten beginnen sich heraus zu kristallisieren.

klangliche eigenheiten und unterschiedlichkeiten in urbanen raeumen findet man in jeder stadt. was faellt auf in bonn? …was ist anders hier?…
ich habe noch nie eine stadt erlebt, die mehr oder minder auf ihr ganzes stadtgebiet verteilt, grosse auditive qualitaetsunterschiede in unmittelbarer naehe zueinander, raeumlich oder zeitlich bietet… besser gesagt, dass jede belastete hoerumgebung/situation (belastet heisst hier, mich unterbewusst auf´s weghoeren, etwas nicht hoeren, einzustellen) in kurzer raum- oder zeitdistanz sich auditiv wieder oeffnet… die groesse des auditiven raums dem visuellen wieder zu entsprechen beginnt.

ich werde nun uebergaenge (schwellen) von einem hoerraum zum anderen anhand einer urbanen bonner situation (raumsequenz) beschreiben und zur diskussion und zur eigenen ueberpruefung vorstellen:

bei meinem beispiel handelt es sich um eine leicht wahrnehmbare raumsequenz von 5 verschiedenen auditiven qualitaeten auf einer kurzen wegstrecke von ca. 200m. der hoerweg beginnt an der ecke remigiusstrasse / fuerstenstrasse in der fussgaengerzone und endet am vorplatz der rheinischen friedrich-wilhelms-universitaet vorm hofgarten.

geht man auf das universitaetsgebaeude zu, dann bewegt man sich ca. 80 meter durch das geschaeftige treiben einer fussgaengerzone mit tischen und verkaufstaenden vor den cafes und geschaeften. die ca. 15 meter breite strasse verstaerkt nur unmerklich die klangereignisse, der raum klingt offen und hell, die stimmen und schritte der menschen sind gut zu hoeren. 1-2 strombrummklänge von klimaanlagen oder kuehlgeraeten sind bei genauem hinhoeren auszumachen… es gibt keine aussenbeschallung oder sonstige lautsprecherklaenge mit ausnahme der diversen handyklingeltoene. dieser raum ist voll von menschen, deren klaengen und aktivitaeten.
desto naeher man der universitaet im ehemaligen kurfuerstlichen schloss kommt, desto intensiver dringen die verkehrsklaenge der raumtrennenden einbahnstrasse am hof zwischen universitaet und der fuerstenstrasse im takt der fussgaengerampel ein. eine wahrnehmbare hoerschwelle ist dort zu finden, wo man aus dem klangschatten der eckhaeuser der fuerstenstrasse auf den gehsteig der einbahnstrasse tritt.

hier ist man nun im klangraum einer kleinen, in eine richtung verlaufenden, innerstaedtischen verkehrsstrasse, die universitaet und fussgaengerzone trennt.
die enge der strasse und die fassaden der gebaeude verstaerken hier die motorenklaenge der busse und anderer fahrzeuge. je nach ampelschaltung werden stimmen und schritte vom verkehrsklang ueberdeckt und maskiert.
wenn man die strasse ueberquert und die universitaet durch den grossen offenen durchgang, aufgeteilt in 3 gewoelbe, mit saeulen unterteilt, betritt, besticht vom ersten schritt an das raumgefuehl der kleinen halle, dieser quasi gebauten soundbox. hier laesst sich die raumspezifische verstaerkung der im vorbeifahren eindringenden motorenklaenge gut wahrnehmen… ein effekt, der in der fuerstenstrasse der fussgaengerzone wie auch in der einbahnstrasse am hof auftritt, nur weniger klar wahrnehmbar.

durch die dimension, architektur und materialitaet eines offenen oder geschlossenenen raumes tritt hier eine verstaerkung oder daempfung sowie eine klangliche faerbung der darin stattfindenden klangereignisse ein. die wellenlaengen von hohen und tiefen klaengen sind sehr verschieden und verhalten sich dementsprechend. hohe frequenzen werden leicht reflektiert, ihre kurzen wellen verhalten sich fast wie licht (einfallswinkel ist gleich ausfallswinkel) und tiefe klaenge beugen sich um hindernisse: ihre langen wellen suchen sich ihren weg ueberall hin wie wasser. da wir unsere gebauten welten fast auschliesslich am modell von schachteln ausrichten, die auf parallelen waenden und rechten winkeln basieren, sind wir ueberall mit dem fuer diese archiektur bestimmenden phaenomenen von resonanz, reflexion, hall und stehender welle konfrontiert.

wenn man nun die universitaet durch den grossen innenhof quert, befindet man sich in einem grossen umbauten raum, einer nach oben offenen fast quadratischen halle. die stimmen der studenten aus den hoffenstern, schritte und stimmen auf dem platz und aus dem zum hof hin offenen saeulengang beleben den raum mit hellem, halligen klang. hier hoert man gut in den reflexionen die ueberwiegende materialitaet: stein.
durchquert man den innenhof zum gegenüberliegenden flügel, betritt man einen sich ueber 2 ebenen offenen innenraum mit sehr eigener architektur und akustik und tritt dann auf den vorplatz zum hofgarten hinaus…

nun ist man von einem moment auf den anderen im hoerraum des kurfuersten… kein fuer unsere zeit typischer urbaner verkehrsklang ist zu vernehmen, mit ausnahme der bonnspezifischen hubschrauber, geschuldet der juengeren geschichte: als klangliche resonanz der ehemaligen bundeshauptstadt und ihrer transformation zur heutigen bundesstadt mit dem sitz von diversen oekonomischen wie ministerialen headquarters…
der raum ist hier offen und weit. die beiden seitenfluegel des schlosses schirmen den ort perfekt vom uebrigen bonner stadtklang ab… kein klangereignis hier von mensch oder tier ist stark genug, um die weitlaeufige architektur zu aktivieren, jedes klangereignis ist leicht ortbar… weit reicht hier aug und ohr…

nun hat man eine eindrucksvolle raumsequenz von verschiedenen auditiven qualitaeten auf kurzer strecke mit einem wahrlich auditiven ereignis zum schluss abgeschlossen. ich moechte diese wegbeschreibungen nicht weiter ausfuehren, aber nochmals die einladung zur selbsterfahrung dieser raumsequenz unterstreichen…

resonanz:
ist ein allgemeines physikalisches phaenomen, das sich in allen periodischen sinusartigen bewegungen findet, hauptsaechlich in der mechanik, akustik, optik und elektrik. zwischen zwei parallelen waenden etabliert sich ein system von stehenden wellen (resonanzfrequenzen)… in staedtischen situationen kann man dieses phaenomen oft beobachten. resonanz setzt sich mit vielfachen reflexionen auf den ebenen oberflaechen der gebaeude fort und erzeugt so eine verstaerkung / anhebung des klangereignisses.
(klang)farbe, (klang)faerben:
ein effekt, der den einfluss eines ortes, raumes auf die frequenzbalance eines klangereignisses beschreibt. im alltaeglichen spricht man von raumfarbe oder dass ein lautsprecher faerbt, man meint damit bestimmte frequenzen eines klangereignisses, die ueberbetont oder sogar ausgeloescht werden im reflektieren oder abspielen.
reverb / hall
im halligen raum klingt ein klang laenger als sein bedingendes ereignis. die reflexionen eines klanges auf den oberflaechen des ihn umgebenden raumes werden zum direktschall / klang dazu addiert. je laenger diese reflexionen ihre energie bewahren, desto groesser ist die hallzeit, desto laenger klingt ein klangereigniss in diesem raum.

meine literatur empfehlung diesmal ist:
Sonic Experience (A Guide to Everyday Sounds)
by Jean Francois Augoyard and Henry Torgue
McGill-Quenn`s University Press ISBN-10:0-7735-2942-x
in diesem werk entwickeln die autoren verstaendnismodelle fuer alltaeglich erlebbare klaenge und klangeffekte. ihre untersuchungen und fragen kommen aus den wissensfeldern: musikwissenschaft, elektroakustik, komposition, architektur, kommunikation, phaenomenologie, sozialtheorie, physik und psychologie.